Strategie 3. März 2025 6 Min. Lesezeit von Dirk Widling

Kann man Storytelling lernen?

Storytelling gilt vielen als Talent — dabei ist es ein Handwerk. Dirk Widling erklärt nach 30 Jahren Erfahrung, wie man es wirklich lernt.

Kann man Storytelling lernen?

Ein Teilnehmer in einem meiner Workshops --- Ingenieur, Mitte vierzig, seit zwanzig Jahren in der Industrie --- hat mir nach der ersten Sitzung gesagt: "Ich bin kein Erzähler. Das liegt mir nicht."

Sechs Wochen später hat er in einem Meeting vor dreißig Leuten eine Geschichte erzählt. Danach kam der Abteilungsleiter auf ihn zu und fragte, ob er beim nächsten Führungskräftetreffen sprechen würde.

Er hatte nichts anderes gemacht als geübt. Systematisch, mit klarem Fokus, ohne auf Talent zu warten.

Die Talent-Illusion

Storytelling gilt vielen als etwas, das man entweder hat oder nicht hat. Man kennt Menschen, die Geschichten erzählen können, bei denen alle zuhören --- und man kennt Menschen, bei denen dasselbe Erlebnis als Bericht endet, dem niemand folgt.

Der Unterschied fühlt sich nach Talent an. Er ist keiner. Er ist Technik.

Wer gut erzählt, hat gelernt --- bewusst oder unbewusst --- wo eine Geschichte anfängt, was weggelassen werden kann, wo die Pointe sitzt und wie lange man eine Spannung halten darf. Das sind keine Charaktereigenschaften. Das sind Entscheidungen.

Und Entscheidungen kann man trainieren.

Was beim Storytelling-Lernen wirklich zählt

Wahrnehmen lernen

Der erste Schritt ist nicht Schreiben. Er ist Sehen. Wer Storytelling lernen will, muss zuerst lernen, Geschichten zu erkennen --- im Alltag, in Gesprächen, in Beobachtungen, die anderen als banal erscheinen.

Die Übung: Schreib jeden Abend einen Satz über etwas, das du heute gesehen hast. Nicht was du gedacht hast. Was du gesehen, gehört, gespürt hast. Konkret. Ohne Bewertung. Nach zwei Wochen merkst du, dass du den ganzen Tag mit anderen Augen durch die Welt gehst --- weil du weißt, dass du am Abend etwas brauchst.

Struktur verstehen

Eine Geschichte ist kein Bericht. Ein Bericht gibt wieder, was passiert ist. Eine Geschichte zeigt, warum es wichtig war. Der Unterschied liegt in der Struktur: Eine Geschichte hat einen Moment, in dem sich etwas verändert. Alles davor ist Aufbau. Alles danach ist Aussage.

Wer diese Struktur einmal gesehen hat, sieht sie überall --- in guten Filmen, in guten Texten, in Gesprächen, die im Gedächtnis bleiben. Und wer sie sieht, kann sie nachbauen.

Kürzen lernen

Der häufigste Fehler von Anfängern: zu viel erzählen. Zu viel Kontext, zu viele Details, zu viel Erklärung. Das Handwerk liegt nicht darin, mehr zu sagen --- sondern zu wissen, was wegkann, ohne dass die Geschichte ihre Kraft verliert.

Eine Übung, die dabei hilft: Erzähl dieselbe Geschichte in drei Versionen. Erst in zehn Sätzen. Dann in fünf. Dann in zwei. Was in zwei Sätzen noch funktioniert, ist der Kern. Alles andere ist Dekoration.

Konkret werden

Abstraktion ist der Tod jeder Geschichte. "Er war nervös" ist abstrakt. "Er tippte dreimal auf denselben Knopf" ist konkret. Wer lernt, abstrakte Aussagen in konkrete Bilder zu übersetzen, macht den größten Sprung in kurzer Zeit.

Die Frage, die dabei hilft: Wie sieht das aus? Nicht was es bedeutet --- wie es aussieht. Wer diese Frage konsequent stellt, findet die Details, aus denen Bilder entstehen.

Wie lange dauert es, Storytelling zu lernen?

Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, wie viel du übst. Wer täglich schreibt und regelmäßig erzählt, merkt nach vier bis sechs Wochen einen deutlichen Unterschied. Wer nur in Workshops sitzt und nicht übt, merkt nichts.

Storytelling ist wie Klavierspielen. Du kannst die Theorie in einer Stunde verstehen. Aber die Finger müssen es lernen --- durch Wiederholung, durch Fehler, durch Feedback.

Was die Lernkurve beschleunigt: Feedback von jemandem, der weiß, was funktioniert. Nicht Lob --- Hinweise. "Hier habe ich aufgehört zu folgen." "Das war der Moment, in dem es mich erwischt hat." Präzises Feedback korrigiert schneller als jede Theorie.

Ressourcen, die wirklich helfen

Gute Sachbücher lesen --- aber anders

Wer gute Sachbücher liest, lernt Storytelling --- nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Struktur. Wie fängt der Autor an? Wo sitzt die erste Geschichte? Wie geht er von einer Idee zur nächsten? Diese Fragen zu stellen, während man liest, schult das Handwerk schneller als jedes Theoriebuch über Storytelling.

Eigene Texte laut vorlesen

Was auf dem Papier gut aussieht, klingt manchmal falsch. Wer seinen Text laut liest, hört sofort, wo der Rhythmus bricht, wo ein Satz zu lang ist, wo eine Geschichte ihren Fluss verliert. Das Ohr korrigiert, was das Auge übersieht.

Geschichten sammeln

Ein Notizbuch --- physisch oder digital --- in dem Beobachtungen, Szenen, Momente landen, bevor sie vergessen sind. Nicht als fertige Geschichten. Als Rohstoff. Wer regelmäßig sammelt, hat Material, wenn er es braucht --- und merkt irgendwann, dass er mehr sammelt, als er je verwenden kann.

Häufige Fragen zum Storytelling lernen

Brauche ich einen Kurs, um Storytelling zu lernen?

Einen Kurs brauchst du nicht zwingend --- aber er beschleunigt den Prozess erheblich, wenn er auf Praxis ausgerichtet ist. Kurse, die vor allem Theorie vermitteln, bringen wenig. Kurse, in denen du schreibst, erzählst und Feedback bekommst, bringen viel.

Wie übe ich Storytelling im Alltag?

Erzähl jemandem, was dir heute passiert ist --- aber so, dass es interessant klingt. Nicht als Bericht. Als Geschichte mit einem Moment, der etwas zeigt. Das ist die einfachste tägliche Übung und die wirksamste.

Muss ich gut schreiben können, um gut Geschichten zu erzählen?

Nein. Schreiben und Erzählen sind verwandte, aber unterschiedliche Fähigkeiten. Wer mündlich gut erzählt, kann schlechter schreiben --- und umgekehrt. Was beiden gemeinsam ist: Konkretheit, Struktur, der richtige Moment zum Aufhören. Das lernst du in beiden Medien.

Was ist der schnellste Weg, besser zu werden?

Erzähl jeden Tag eine Geschichte. Eine einzige. Einem Menschen, in einem Text, in einem Post. Beobachte, was bei der anderen Person passiert. Frag nach. Und fang morgen wieder an.

Was am Ende zählt

Der Ingenieur aus meinem Workshop hat mir ein Jahr später eine Nachricht geschickt. Er hatte eine interne Präsentation gehalten --- über ein technisches Thema, das sonst niemanden interessiert. Er hatte mit einer Geschichte angefangen.

"Alle haben zugehört", schrieb er. "Zum ersten Mal."

Er hatte kein Talent bekommen. Er hatte ein Handwerk gelernt.

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Dirk Widling ist Copywriter, Storyteller und Marketing-Stratege mit 30 Jahren Erfahrung. Unter MetaphernMagier® hilft er Coaches und selbstständigen Unternehmern, ihre Expertise in Sprache zu übersetzen --- und diese Sprache sichtbar zu machen.

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