Ich kenne zwei Menschen, die dieselbe Geschichte erzählen können. Es ist eine wahre Geschichte — ich war dabei. Sie haben beide dasselbe erlebt.
Wenn der eine sie erzählt, hören alle zu. Wenn der andere sie erzählt, schauen die Leute auf ihre Handys.
Was macht den Unterschied? Nicht die Geschichte. Die Geschichte ist dieselbe.
Was gute und schlechte Geschichten unterscheidet
Wer lange genug zuhört, wenn Menschen Geschichten erzählen, erkennt ein Muster. Schlechte Geschichten haben bestimmte Eigenschaften, die sie schwächen. Gute Geschichten vermeiden sie — nicht immer bewusst, aber konsequent.
Schlechte Geschichten beginnen zu früh
"Also, das war letzten Sommer, ich war gerade erst aus dem Urlaub zurückgekommen, und wir hatten eigentlich geplant..." Zu diesem Zeitpunkt hat der Zuhörer bereits entschieden, ob er wirklich zuhört. Schlechte Geschichten haben einen Anlauf. Gute fangen mitten im Moment an.
Schlechte Geschichten erklären zu viel
"Das war wirklich eine schwierige Situation, weil ich zu dem Zeitpunkt gerade sehr unter Druck stand und..." Erklärungen unterbrechen die Szene. Sie nehmen dem Zuhörer die Arbeit des Verstehens ab — und damit das Vergnügen. Gute Geschichten zeigen, was ist. Der Zuhörer erklärt es sich selbst.
Schlechte Geschichten enden mit der Moral
"Und daraus habe ich gelernt, dass man immer ehrlich sein sollte." Das ist eine Zusammenfassung für jemanden, dem man nicht vertraut, das Richtige selbst zu denken. Gute Geschichten enden mit einem Bild oder einem Moment — die Aussage entsteht beim Zuhörer.
Schlechte Geschichten haben keine Details
"Er war aufgeregt" versus "Er tippte dreimal auf denselben Knopf." Das zweite Bild zeigt, was das erste nur behauptet. Details machen Geschichten greifbar. Ohne sie bleibt alles abstrakt — und Abstraktes vergisst man.
Was gute Geschichten konkret machen
Ein Einstieg, der keine Geduld verlangt
Gute Geschichten beginnen, wenn es bereits läuft. In medias res — mitten in die Dinge. "Sie hat das Buch zugeschlagen, bevor ich fertig war." Ich weiß sofort: Es gibt eine Spannung. Es gibt zwei Personen. Es ist bereits etwas passiert. Ich will wissen, was.
Konkrete Details, die ein Bild erzeugen
Das Kennzeichen einer guten Geschichte ist, dass man sie sieht, während man sie hört. Das passiert nicht durch schöne Sprache — es passiert durch präzise Details. Nicht "ein altes Café" — "ein Café mit Tischen, die wackelten, wenn jemand zu nah dranging". Das zweite ist erlebbar. Das erste ist eine Beschreibung.
Eine Veränderung, die man spürt
In jeder guten Geschichte gibt es einen Moment, nach dem alles anders ist. Manchmal ist er klein — eine Erkenntnis, eine Entscheidung. Manchmal ist er groß. Aber er muss da sein. Ohne ihn ist die Geschichte ein Bericht über etwas, das passiert ist — und Berichte vergisst man.
Ein Ende, das nicht erklärt
"Und seitdem nehme ich immer Stift und Papier mit." Das erklärt nicht, was das bedeutet. Es zeigt eine Konsequenz. Der Zuhörer schlussfolgert — und die Schlussfolgerung, zu der er selbst kommt, sitzt fester als jede, die ihm gegeben wird.
Die Geschichte, die besser erzählt wird
Der Mann, der dieselbe Geschichte erzählt wie ich — warum hören alle bei ihm zu?
Er fängt in einem anderen Moment an. Nicht beim Frühstück vorher, nicht bei der Anreise — sondern in der Sekunde, in der es passiert. Er sagt weniger. Er hält Pausen aus, an denen andere weitersprechen. Und er endet, bevor er erklärt.
Ich habe ihn einmal gefragt, ob er das bewusst macht. Er hat gesagt: "Ich erzähl einfach, was ich gesehen habe."
Das ist Storytelling ohne Theorie. Und es funktioniert genau deshalb.
Wie man lernt, besser zu erzählen
Erzähl dieselbe Geschichte zweimal
Erzähl eine Geschichte, die du kennst. Dann erzähl sie nochmal — aber fang fünf Sätze später an. Meistens ist die zweite Version besser. Weil der Anlauf fehlt.
Beobachte, wann jemand aufhört zuzuhören
Das ist das ehrlichste Feedback, das es gibt. Nicht was jemand sagt — was sein Körper tut. Wenn jemand anfängt, woanders hinzuschauen, ist das der Moment, an dem die Geschichte verloren hat. Merk dir, was du gerade gesagt hast.
Schreib Szenen, keine Berichte
Wenn du etwas aufschreibst, frag dich: Beschreibe ich, was passiert ist — oder zeige ich, wie es war? Der Unterschied ist der zwischen "er war nervös" und "er hat sein Glas dreimal umgestellt". Schreib das zweite.
Häufige Fragen zum Thema gute Geschichten erzählen
Muss eine gute Geschichte lang sein?
Nein. Manche der stärksten Geschichten, die ich kenne, sind kürzer als dreißig Sekunden. Was zählt, ist nicht die Länge — sondern ob das Bild sitzt. Wenn es sitzt, ist die Geschichte fertig. Alles danach schwächt sie.
Was, wenn die Geschichte, die ich erzählen will, nicht so interessant ist?
Dann ist entweder der Einstieg falsch — oder du erzählst die falsche Geschichte. Fast jede Situation hat eine Geschichte, die interessant ist. Die Frage ist, welcher Moment der richtige Einstieg ist. Wenn du dreißig Sekunden früher anfängst oder dreißig Sekunden später, ist es oft eine andere Geschichte.
Kann man gute Geschichten erzählen lernen, wenn man kein geborener Erzähler ist?
Ja. Weil gutes Geschichtenerzählen kein Talent ist — es sind Entscheidungen. Wo fang ich an? Was lass ich weg? Wo hör ich auf? Diese Entscheidungen kann man trainieren. Und wer sie trainiert, erzählt irgendwann gut — egal ob er "geboren" damit ist oder nicht.
Was bleibt
Der Mann, der dieselbe Geschichte besser erzählt als ich — er macht nicht mehr. Er macht weniger.
Weniger Anlauf. Weniger Erklärung. Weniger Moral am Ende.
Das ist das Geheimnis guter Geschichten: Nicht was man hinzufügt. Was man weglässt.
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Dirk Widling ist Copywriter, Storyteller und Marketing-Stratege mit 30 Jahren Erfahrung. Unter MetaphernMagier® hilft er Coaches und selbstständigen Unternehmern, ihre Expertise in Sprache zu übersetzen — und diese Sprache sichtbar zu machen.